the Blatten Diary
- Chrissie

- 24. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Geschrieben im Juni 2025
19. Mai 2025
9:52 Uhr – das Telefon klingelt.
„Raus aus dem Haus, sofort!“
„Was?!“
„Sofort raus und zum Treffpunkt um 10 Uhr kommen!“
Es war ein Anruf, der mein Leben verändern sollte. Unser Leben. Das Leben von 300 Menschen und eines ganzen Tals.
Wenn ich jetzt an diesen Tag zurückdenke, fühlt es sich seltsam an. Ich erinnere mich, dass ich keine Angst hatte und mir keine Sorgen machte, nur ein bisschen nervös war.
Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, was ich einpacken und mitnehmen sollte. Mir kam nicht in den Sinn, dass es möglich war, nie wieder zurückzukehren.
Ich rief Ben an, der schon im Büro war, erzählte ihm, was passiert war, nahm den Hund, meinen Rucksack und verliess das Haus.
Als ich am Treffpunkt ankam, war es voller Leute. Es schien, als wären alle schon da. Es war still, niemand sprach, nur ab und zu ein Flüstern.
Ich setzte mich, versuchte, den Hund zu beruhigen, und wartete.
Der Präsident von Blatten stand telefonierend auf die Bühne:
„Wir warten, ja … was sollen wir tun? … … … gehen? … … jetzt? … okay.“
Sein Blick wanderte über die Anwesenden, dann sagte er:
„Vollständige Evakuierung, sofort!“
Alle erhoben sich, leise und langsam. Ich stieg in mein Auto und fuhr zum Treffpunkt in Wiler.
Es war ein sonniger Tag und es wurde langsam recht warm. Ich setzte mich in den Schatten und beobachtete die Leute auf dem Vorplatz der Turnhalle. Mein Blick schweifte hinauf zum Berg. Er war von blauem Himmel und grünen Bäumen umgeben. „Typische Schweizer Aussicht“, dachte ich. Ich war weder beunruhigt noch fühlte ich mich unwohl. Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte.
Ich rief meine Mutter an, um ihr zu erzählen, was passiert war. Sie war im Urlaub und machte gerade einen Spaziergang. Wir malten uns aus, was passieren könnte: Steinschlag, der die Lonza unten blockiert und das Dorf Blatten überflutet. Das war damals das schlimmste Szenario, das uns einfiel, und wir machten uns keine Sorgen, dass es tatsächlich passieren könnte.
Vor drei Jahren war unser Haus überflutet worden; wir hatten gerade alle Reparaturen und die Renovierung abgeschlossen. Niemand war verletzt worden, es gab nur Sachschaden, und obwohl die Aufräumarbeiten anstrengend waren, war es letztendlich nicht so schlimm.
Plötzlich kam mir der Gedanke, dass wir eine Unterkunft bräuchten. Ich rief einen Freund an und fragte, ob wir in seinem Ferienhaus übernachten könnten. Seine kurze, einfache Antwort war: „Ja klar!“. Ich war erleichtert. Und dann dachte ich: „Ich habe nicht mal eine Zahnbürste dabei! Keine Unterwäsche, keine Socken, nichts!“
Es war schon Nachmittag, und Ben und ich beschlossen, schnell ins Tal zu fahren, um ein paar Sachen für die Grundausstattung zu besorgen.
Geschrieben am 16. März 2026
Zurück im Lötschental fuhren wir den Berg hinauf auf die Lauchernalp, wo wir übernachten würden.
Es war ein wunderschönes Apartment mit Panoramablick über die Berge und das Lötschental, das Bietschhorn direkt vor uns (vielen Dank an Toni und Carlos vom Lauchernalp Resort!).
Die Tage vergingen, das Wetter verschlechterte sich, es wurde kalt, regnerisch und es schneite sogar ein wenig.
Nikon Schweiz hatte mir leihweise ein grosses Teleobjektiv und ein Fernglas zur Verfügung gestellt, damit ich den Berg beobachten konnte. Ich hatte nur eine Kamera und einige Objektive in meinem Rucksack. Aber keinen Laptop, keine Ladegeräte, Speicherkarten oder externe Festplatten …
Alles andere, mein komplettes Büro, Computer, Kameraausrüstung, Kleidung und alles andere war noch in Blatten, und wir durften nicht zurück, um etwas zu holen.
Da ich somit nicht arbeiten konnte, sass ich nur am Fenster oder auf dem Balkon und beobachtete den zerfallenden Berg. Die Felsstürze nahmen täglich zu, der Lärm glich einem unaufhörlichen Güterzug, der rund um die Uhr fuhr.
Manchmal kreiste ein Hubschrauber über dem Gletscher, manchmal der Berg vollständig von Staubwolken herabstürzender Felsen verhüllt.


Diese Tage waren von völliger Ungewissheit geprägt. Was würde geschehen? Wie lange müssten wir noch hier sitzen und den Berg beobachten? Wann könnten wir nach Blatten zurückkehren? Würde der Berg auf einmal einstürzen oder nur Stück für Stück im Laufe der Zeit?
28. Mai 2025
Es regnete in Strömen auf der Lauchernalp. Ich beschränkte meine Gassigänge auf ein Minimum, da es einfach zu ungemütlich war, nach draußssen zu gehen.
Später am Nachmittag beschloss ich jedoch, doch noch einmal hinauszugehen. Ich packte mich in eine Schneejacke ein, die mir meine Schwiegermutter gegeben hatte, und machte mich auf den Weg zu einem Spaziergang auf der Lauchernalp.
Wir liefen Richtung Netzbord, und der Hund drehte völlig durch. Sie sprang herum, zerrte an der Leine, bellte und benahm sich wie von Sinnen.
Ich war frustriert, sowohl vom Wetter als auch vom Verhalten des Hundes, und je länger sie so ausrastete, desto mehr war ich den Tränen nahe. Ich beschloss, mich unter einen Baum zu setzen und abzuwarten, ob sie sich etwas beruhigen würde.
Die Atmosphäre wirkte fast dystopisch. Der starke Regen prasselte unaufhörlich herab, und die Umgebung verschwamm zu einem einzigen bräunlichen Matsch.
Ich beobachtete, wie Stücke des Gletschers abbrachen und die Hänge hinunterrutschten. Inzwischen war ich klatschnass, also stand ich auf und ging zurück nach Hause.
Das Verhalten des Hundes verschlimmerte sich masslos; sie tobte regelrecht, und ich machte mir Sorgen, dass etwas mit ihr nicht stimmte.
Ich versuchte, mich so gut wie möglich durch die schmalen Pfade zu kämpfen und so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.
Endlich zu Hause angekommen, zog ich die durchnässten Kleamotten aus, legte mein Handy auf den Tisch neben dem Fenster und schaute auf.
15:24 Uhr
Ich begriff nicht, was ich sah. Wie ferngesteuert nahm ich mein Handy wieder in die Hand, öffnete die Tür und begann zu filmen.
Was ich sah, war der Anblick, der um die Welt ging. Diese riesige, fette, braune Wolke stürzte mit voller Wucht donnernd den Berg hinab. Die Fenster wackelten, ich zitterte. Was hatte ich da gerade gesehen?
Und dann – Stille.
Ich wusste, was ich gesehen hatte, aber ich konnte es nicht begreifen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich stand einfach nur da und zitterte.
Ich schrieb Ben: „Ich glaube, der Gletscher ist gerade runtergekommen“, zusammen mit einem Screenshot des Videos, das ich aufgenommen hatte. Dann rief ich meine Schwiegermutter an und fragte, ob es ihr gut ginge. Sie war im Pflegeheim und sagte, alle weinten.
Etwa eine Stunde später verbreiteten sich die ersten Fotos. Wir sahen diesen riesigen Schuttkegel, der den grössten Teil von Blatten begraben hatte. Einige Häuser standen noch, aber wir wussten sofort, dass diese Häuser durch den aufgestauten Fluss überflutet werden würden.
Es war so surreal, ich war verwirrt, dass ich keinerlei Emotionen verspürte, außsser dass ich immer noch zitterte und Kopfschmerzen bekam.
Die Fernsehkanäle fingen an, über die Katastrophe zu berichten. Wir wussten nichts ausser dem, was wir im Fernsehen sahen.
Wie hoch würde das gestaute Wasser steigen? Würde es alle verbliebenen Häuser verschlingen? Würden weitere Felsstürze das Dorf treffen?
Obwohl wir die genauen Folgen nicht kannten, hatte ich den Impuls: „Ich muss etwas tun.“. Ich richtete eine Spendenkampagne auf GoFundMe ein.
Mein erster Impuls war, damit denjenigen zu helfen, die am meisten verloren hatten oder einfach Geld für die Miete oder sonstwas brauchten, den älteren Menschen mit geringem Einkommen usw.
Geschrieben am 24. Mai 2026
Am nächsten Tag ging die Spendenaktion online. Ich teilte sie auf all meinen Social-Media-Kanälen und hoffte, dass sich mein jahrelanges Herumlungern in den Netzwerken endlich auszahlen und etwas wirklich Hilfreiches bewirken würde.
Der Anfang verlief schleppend, doch die Spenden trafen überraschend schnell ein.
Ich zitterte immer noch unaufhörlich und hatte furchtbare Kopfschmerzen, die einfach nicht verschwinden wollten.
Die Blatten-Welle war nun allgegenwärtig: Fernsehen, Radio, Internet, soziale Medien. Es gab kein Entrinnen mehr. Und ehrlich gesagt war ich entsetzt, wie viele Leute versuchten, sich ein Stück vom Aufmerksamkeits-Kuchen zu sichern, insbesondere in den sozialen Medien.
Nachrichten und Anrufe prasselten auf mich ein und überwältigten mich komplett. Ich wurde von der Flut an Eindrücken, die wie ein Hagelsturm auf mich einprasselten, völlig überrollt.
30. Mai 2025
Die Spendenaktion ging über Nacht viral – es waren bereits über 40.000 CHF gespendet worden. Ich war überwältigt von dieser enormen Unterstützung und Solidarität.
Ich konnte es immer noch nicht fassen, alles wirkte so unwirklich. Ich fühlte mich wie in eine Wolke gehüllt. Obwohl ich immer noch zitterte und pochende Kopfschmerzen hatte, fühlte ich mich, als würde ich mich in einer weichen gedämpfden Hülle umherbewegen, falls das Sinn ergibt. ______________________ Fortsetzung folgt… oder auch nicht…
--> Mein visuelles Tagebuch findet ihr auf meinem Instagram-Profil @chrissiest unter dem Titel „the Blatten Chronicle“.





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